Auswertung der Befragung zur Streckenerweiterung der Linie 12
Jena Winzerla. In der Juli-August-Ausgabe stellten wir die Diskussion um die Erweiterung der Linie 12 vor. Da die Ergebnisse eher qualitativer und nicht repräsentativer Natur waren, entschieden wir uns im Nachgang für eine Befragung der betroffenen Haushalte. Dank Julia Hartmann, Studentin im Studiengang Soziale Arbeit an der FH Jena, zurzeit Praktikantin im Stadtteilbüro, konnte die Befragung zeitnah realisiert und ausgewertet werden.
Als erstes möchten wir uns für die 191 Zuschriften bedanken, die wir in der Zeit vom 01.08.12 bis zum 17.08.12 erhielten.
Befragt wurden die Bewohner der Johannes-R.-Becher-Straße 2-36, der Hanns-Eisler-Straße 2-26, der Helene-Weigel-Straße 2-26 und jene der Bertolt-B.-Straße 1-32, wie sie zu einer Streckenerweiterung der Linie 12 stehen und welche Argumente sich aus ihrer Sicht für oder gegen eine Erweiterung ergeben. Auch interessierten uns alternative Vorschläge, die zu ähnlichen Vorzügen wie eine Erweiterung führen könnten.
Zur Beteiligung insgesamt
Es beteiligten sich 28,1% von insgesamt 680 befragten Haushalten.
In der Johannes-R.-Becher–Straße stimmten 32,2% der Haushalte für eine Erweiterung, 6,7% dagegen. Jedoch nur knapp die Hälfte der Befürworter fügten ihrem Votum Argumente hinzu. So votierten 58 Stimmen für einen Streckenausbau, wobei 30 Stimmen davon keine qualitativen Argumente angaben. Bei den Contra-Argumenten liegt der Anteil derer, die ihr Votum begründen, weitaus höher. Ein Faktum, welches sich in der Auswertung der Fragebögen für die anderen Straßen ebenfalls ergibt. 12 Stimmen sprachen sich gegen eine Erweiterung aus, eine davon blieb ohne Begründung.
In der Hanns-Eisler-Straße erreichten die Befürworter 20,8%. Das waren 27 Stimmen, 14 enthielten Argumente, 13 gaben sich mit einem Kreuz zufrieden. Die Gegner führten zu 100 % Argumente an.
Die Haushalte der Helene-Weigel-Straße beteiligten sich zu 17%. Dabei hielt sich die Waage zwischen Befürwortern und Gegnern.
Die Bewohner der Bertolt-B.-Straße 1-15 stimmten mit 7,5% für und mit 8,8% gegen die Erweiterung. Hier wurden nur von einem Befürworter Argumente angeführt, die anderen 5 Stimmen beschränkten sich mit einem Kreuz. Bei den Gegnern wurde ausschließlich argumentiert.
Die Haushalte der Bertolt-B.-Straße 17-32 waren mit 29,1% Beteiligung neben jenen der Johannes-R.-Becher-Straße am stärksten vertreten. 24,4% stimmten gegen eine Erweiterung und fanden hierfür viele Argumente. Die Befürworter fanden sich mit 5% recht selten in diesem Abschnitt, die Hälfte von ihnen lässt uns in der Auswertung wieder nur über die Gründe ihre Entscheidung spekulieren.
Die Hauptargumente der Befürworter
Für eine Erweiterung der Streckenführung wird vor allen anderen Haushalten gerade in der Johannes-R.-Becher-Straße plädiert. Hier spielt die Beeinträchtigung beim Gehen von älteren Menschen und insbesondere bei Gehbehinderten eine wichtige Rolle. 26mal wurden diese Argumente genannt, „Mit wachsendem Alter wird es immer schwieriger den Berg (Oßmaritzer Straße) zu erklimmen“, „vor allem, wenn man vom Einkauf kommt und schwere Taschen zu tragen hat“, „zum Teil viele ältere Bürger keinen PKW mehr führen dürfen“.
Diese Argumente spielen auch für die Anwohner der Hanns-Eisler-Straße die entscheidende Rolle.
Hinzu kommt der Wunsch, im gewohnten Umfeld bleiben zu können, „da wir schon 40 Jahre hier wohnen und älter geworden sind“. „Unsere Kinder wohnen alle nicht in Jena und können uns nicht unterstützen“, sagt dieselbe Familie und weist auf ein anderes Problem hin. Die Individualisierung und die geforderte Mobilität vom Arbeitgeber entsprechen nicht dem traditionellen Bild von familiärer Unterstützung. Deshalb bedarf es einer Entwicklung und dem Ausbau der sozialen Infrastruktur zur Unterstützung älterer Menschen.
Des Weiteren wurde das Argument genannt, dass durch eine Erweiterung der Streckenführung ein Anreiz zur Nutzung des Busses geschaffen werde, die zu mehr Teilhabe am kulturellen Leben ermutigen könnte.
Die wenigen Haushalte, die sich in der Helene-Weigel-Straße und in der Bertolt-B.-Straße für einen Ausbau aussprachen, sehen den Vorteil in der kürzeren Strecke zur Bushaltestelle. Dies erleichtere den Einkauf und bedeute eine Zeitersparnis.
In der Bertolt-B.-Straße 17-32 sieht eine junge Familie einen Vorteil für ältere Menschen, aber auch den bereits erwähnten Anreiz zur Busnutzung überhaupt. Eine andere Stimme sieht die Bedingung für eine Erweiterung in der Bereitstellung von alternativen Parkflächen. Ein Dritter sagt: “Die Bürger, die um die Parkplätze besorgt sind […] sollten daran denken, dass auch sie älter werden und dann nicht mehr Auto fahren können.“
Fazit Befürworter
Die Tendenz der Antworten resultiert aus dem Alter derjenigen, die sich von dem Fragebogen angesprochen fühlten. Die Altersspanne bewegt sich hier zwischen 60 und 88 Jahren. Darunter liegende Werte sind die Ausnahme und beziehen sich in ihrer Argumentation auf zukünftige Umstände, wie sie natürlich jeden im Laufe seines Lebens treffen werden und aktuell zur demografischen Entwicklung in Deutschland passen.
Das Thema generationsfreundliche Stadt kann in diesem Zusammenhang genannt werden, welches einen ganzheitlichen Blick auf Stadtentwicklung wirft und sich nicht auf Buslinienführungen beschränkt. So sind auch die Nennungen wie der Bau von Fahrstühlen, die Einrichtung eines Seniorentreffs oder der Ausbau des Dienstleistungssektors begründet und können in einer späteren Ausgabe der Stadtteilzeitung diskutiert werden.
Im Rahmen dieser Befragung möchten wir uns ausschließlich mit dem Thema der Streckenerweiterung befassen, auch wenn diese in einem größeren Zusammenhang steht, der anderes mit einschließt.
Die Hauptargumente der Gegner
Gegen eine Erweiterung der Streckenführung der Linie 12 wurden nun vor allem Stimmen aus der Bertolt B. Straße 17-32 laut. Hier wurde 22mal auf die Parkplatzproblematik hingewiesen, 20mal beklagte man den entstehenden Verlust der verkehrsberuhigten Lage und der damit einhergehenden Lärmbelästigung. 19mal wurde dieses Argument bemüht. „Ich habe Bedenken wegen der zusätzlichen Lärmbelästigung und bin der Meinung, dass die Straßen- und Parkplatzsituation dies nicht verkraften“, „dass die Lärmbelästigung die Lebensqualität beeinträchtigen wird“, „Lärmbelästigung, Ruhestörung, kein Bedarf“, „Der Aufwand zur Installation der Erweiterung ist nicht gerechtfertigt. Die danach folgende dauerhafte Lärm- und Verkehrsbelastung durch den Bus, im bisher einigermaßen beruhigten engen Wohngebiet, wäre unerträglich.“
Hier wird auf ein ebenfalls häufig genanntes Argument hingewiesen. Die Kosten-Nutzen- Rechnung steht nach Meinung vieler in keinem Verhältnis. „Die Straße hinter dem Wohnblock der Bertolt-B.-Straße 17-32 müsste grundsaniert werden und einen Fußweg bekommen […] Wer trägt die Straßenbaukosten?“ „So treiben wir nur die Fahrpreise in die Höhe“, „Die Anwohner, die den geringsten Nutzen haben, müssen die größte Last tragen, zumal es vor 2 Jahren keinen Busverkehr in Winzerla gab“.
So meinen einige auch, gerade Bewegung würde die Gesundheit fördern und jede Art von Bequemlichkeit, wie sie in der modernen Zivilisation angeboten wird, führe zu Krankheit oder Beeinträchtigung unserer Bewegungsfähigkeit. „Es wäre hilfreich für unser aller Gesundheit, wenn die Menschen mehr laufen, auch wenn es mühsam und langsam geht. Je weniger wir uns bewegen müssen, desto bequemer und schwergewichtiger werden wir“.
Und nicht nur das grüne Umfeld würde in Mitleidenschaft gezogen werden, auch dessen Nutzer, die Kinder, die hier einen Freiraum zum Spielen und Toben finden, werden gefährdet. „Die kinderfreundliche, verkehrsberuhigte Lage zwischen 3 Spielplätzen geht verloren“. Man könne nicht alles haben lautet die Devise: „Im Grünen wohnen und noch eine Haltestelle vor jedem Eingang geht nicht“.
So sind Anwohner, die durch eine Gehbehinderung eingeschränkt sind selbst verantwortlich für ihre Mobilität, was im ersten Moment gefühllos anmuten mag, aber dadurch begründet wird, dass es ausreichend Angebote von sozialen Dienstleistern gäbe oder man die Problematik über Nachbarschaftshilfen auffangen könnte. „Gehbehinderte Anwohner nutzen öffentliche Verkehrsmittel sowieso kaum“, „ältere und gehbehinderte Anwohner fahren mit dem eigenen PKW oder Fahrdienst.“
Diese Meinung wird keineswegs von jungen Leuten vertreten, sondern von der gleichen Altersgruppe wie die der Befürworter. Die Argumente finden sich in allen Zuschriften durch alle Straßen hindurch wieder.
Wie in der Statistik zu sehen ist, setzten sich die Gegner intensiver mit dem Thema auseinander. Die Befürworter argumentierten lediglich in 51 von 110 Fragebögen. Hingegen die Gegner in 79 von 81 Fragebögen.
Fazit Gegner
Neben den verschiedenen Argumenten gegen eine Erweiterung, sprachen sich die Gegner für eine Fahrplanänderung aus. So wird von einigen ein 20-Minuten Takt gefordert, wie eine bessere Abstimmung mit dem Straßenbahnverkehr. In Lobeda arbeitende Menschen seien hier im Nachteil, da sie in Burgau umsteigen müssen und nicht mehr wie früher üblich, mit der Linie 3 direkt fahren können. Eine günstigere Verbindung nach Lobeda und Burgau wäre auch für viele ältere Menschen von Vorteil, da sie dort über Einkaufsmöglichkeiten verfügten, welche näher liegen als die in der Stadt.
Was wird anders, wenn alles bleibt wie es ist – Die Alternativen
Auf der Suche nach alternativen Möglichkeiten zur Steigerung der Wohn- und Lebensqualität finden Befürworter und Gegner der Erweiterung ähnliche Ansätze. Die vielen Vorschläge auf Seiten der Gegner zeigen deutlich, dass es nicht egoistische Beweggründe sind, die sie zu ihrer Meinung veranlassen. So sprach sich eine Person für einen zweimal wöchentlich fahrenden kleinen Zubringerbus aus, der „betagte Leute“ eine Hilfe beim Einkauf sein könnte. Die Anfahrt der Johannes-R.-Becher–Straße könne ebenso über die Oßmaritzer-Straße erfolgen. Hierfür müsste „lediglich“ eine Wendemöglichkeit bereitgestellt werden. Ein weiterer wichtiger Hinweis war die Pflege von Wegen und Sitzgelegenheiten. Einige weisen auf die vorhandenen sozialen Dienste wie z.B. den Wohnexpress hin.
Es fanden sich aber auch Stimmen, die das Angebot an kulturellen oder sportlichen Angeboten bemängelten. Hier wurde der Vorschlag unterbreitet, den „Hugo“ für Seniorennachmittage mit zu nutzen.
An dieser Stelle möchten wir Sie darauf hinweisen, dass es in jeder Ausgabe der Stadtteilzeitung auf der letzten Seite eine Extra-Rubrik gibt. Dort werden alle aktuellen Veranstaltungen von verschiedenen Trägern angeboten. Dazu gehört das Seniorencafé in der Kita Bertolla, Termine für den Wanderstammtisch, Generationentreff im Tacheles. Auch die anstehende Holz- und Kunstwerkstatt an der Trießnitz am 22.09.12 wendet sich an Familien wie auch an alle anderen Bewohner des Quartiers.
Ausblick
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass eine Erweiterung nach Meinung der Anwohner mehr Nachteile als Vorteile mit sich bringen würde. Weiterhin wird ein großer Bedarf geäußert, altersbedingte Bedürfnisse berücksichtigt zu wissen.
So stellt sich die Frage, welche Wege gegangen werden müssen, um diese erfüllen zu können. Es wäre zu diskutieren, ob man dabei auf Akteure von „Außen“ setzen sollte oder sich eine Bewohner-Initiative gründet. Dafür braucht es Menschen, die sich einbringen wollen, wie der ältere Herr (74 Jahre), der sich schon mehrfach bei anderen für Fahrdienste angeboten hatte und darauf wartet, in „Anspruch“ genommen zu werden.
Ließen sich vielleicht auch Lösungen zusammen mit den Wohnungsunternehmen finden, die für alle eine Steigerung der Lebensqualität bedeuten würden?
Wichtig ist, dass Sie als Bürger sich ihrer Bedürfnisse bewusst werden und gemeinsam mit anderen diese zur Diskussion stellen. Nur so kann sich etwas verändern! Das Stadtteilbüro steht Ihnen dabei gern zur Seite.
Autorin: Julia Hartmann