Regionale Identität durch Teiloberflächenversiegelung der Natur stärken?
Jena Winzerla. Hinter dieser Überschrift verbirgt sich ein Leserbrief von Lutz Thormann, der zum Artikel in der Stadtteilzeitung vom November 2014 Stellung bezieht. Hintergrund ist die Erstellung eines Entwicklungskonzeptes für den historischen Ortskern Winzerla. In der Stadtteilzeitung heißt es dazu: „Kern dieses Konzeptes ist die Stärkung der regionalen Identität, der Wohn- und Lebensqualität durch eine attraktive Gestaltung des Ortskerns Winzerla in den nächsten 15 Jahren. Alte Traditionen, wie eine verbesserte Nutzung der Trießnitz als Ort für Alt und Jung, sollen dadurch wiederbelebt werden. Zu den vorrangigen Maßnahmen gehören die Sanierung des Trießnitzbaches, eine Teiloberflächenversiegelung für eine Festplatzfläche und die Befestigung des Weges zur Trießnitz.“
Verärgert und empört hat mich der Artikel „Regionale Identität stärken!“ in der letzten Ausgabe der Stadtteilzeitung, insbesondere die darin angekündigte, ja doch recht gravierende Umgestaltung der Trießnitz und des Sängerplatzes. Mit den euphemistischen Floskeln der Städteplanung, die in gewohnheitsmäßiger Verschleierung ihrer tatsächlichen Vorhaben und Zielen gern von „attraktiver Gestaltung“, „Stärkung der regionalen Identität“ und „verbesserter Nutzung“ sprechen, soll den Bürgern hier ein Konzept schmackhaft gemacht werden, das in seinem Kern nichts anderes ist als der Ausverkauf und die Zerstörung eines der letzten naturnahen, von Winzerla aus zu Fuß für Jung und Alt gut erreichbaren Waldplätze. Oder wie soll ich eine „Sanierung“ des Trießnitzbaches, eine „Teiloberflächenversiegelung“ für eine Festplatzfläche bzw. eine „Befestigung“ des Weges zur Trießnitz sonst verstehen?
Was sich hinter solch nüchtern-emotionslosen Technokratenbegriffen verbirgt, ist in der Tat ein ziemlich befremdendes Unverständnis und wohl auch ein ganz bewusstes Nicht-Verstehen-Wollen von „Natur“. Diese wird lediglich noch als kulturell, d.h. von Menschenhand gestaltbare Verfügungsmasse begriffen und im Munde geführt, da alles, was „für den Bürger“ getan wird, ja quasi eo ipso gut sein muss. Ein eigenständiger, unbeeinflusster Wert im Sinne von „natürlich“ und „sich selbst überlassen“ wird der Natur in diesem Denken nicht mehr zugestanden. Mal wieder müsse (einseitig) die „Wohn- und Lebensqualität“ der Bürger gesteigert bzw. deren angeblich gestiegenen Anforderungen Rechnung getragen werden. Sind kritische Nachfragen eines Naturliebhabers da nicht reichlich naiv, unangebracht, ja geradezu vermessen?
Was aber spricht denn eigentlich dagegen, die Trießnitz vor sich hinplätschern bzw. den Zufahrtsweg zum Sängerplatz einfach mal unbefestigt zu lassen? Die alten Omas mit Krückstock? Die kommen auch jetzt bequem zum Sängerplatz und freuen sich sicher über die kleinen Herausforderungen, die der Weg zumindest stellenweise noch bietet! Dorffeste, die man dort angeblich nicht feiern kann? Die machen auf einer grünen Wiese doch viel mehr Spaß und für Regenwetter gibt es Gummistiefel und Regenschirme! Die Autofahrer? Zum Sonntagsbrunch rollen die doch jetzt schon bis zum Sängerplatz durch! Sollte man deren Bequemlichkeit und Ignoranz durch eine Befestigung (d.h. vermutlich Asphaltierung) des Weges auch noch unterstützen? Und überhaupt: Was ist so falsch und unvorstellbar daran, den Wald so zu mögen, wie er von ganz alleine wächst?
Bedenken sollte man bei allem Planungs- und Gestaltungs(über)eifer auch, dass die Trießnitz und der Sängerplatz von einem natürlichen, also naturbelassenen Zustand schon seit den Anfangstagen ihrer Nutzung meilenweit entfernt sind. Genau genommen waren sie schon immer nur ein „naturnahes Naherholungsareal“. Naturnah, weil es am Sängerplatz zwar einen (forstbewirtschafteten) Wald, aber eben auch Steinmauern, Treppen, Holzbänke, eine eingeebnete Wiesenfläche und einen Unterstand mit Tisch gibt. Auch die Trießnitz dümpelt nicht etwa frei und wild, sondern eingequetscht zwischen Böschung und Zufahrtsweg vor sich hin. Im Unterlauf wurde sie längst so lieblos wie funktional mit hässlichen Betonsegmenten eingefasst und kanalisiert. Die Zufahrt ist ebenfalls kein unüberwindbarer Schlammpfad, sondern ein grundhaft verdichteter Waldweg. In einem – dem Wortsinne nach – „natürlichen“ Zustand befand sich das gesamte Areal also vermutlich zuletzt im 17. Jahrhundert, wenn überhaupt.
Die im Artikel anklingende Naturauffassung erinnert mich jedenfalls ungut an die städte- und landschaftsplanerischen Machbarkeitsideologien zumindest des vergangenen Jahrhundert. Das ist enttäuschend und frustrierend zugleich, war ich doch durchaus geneigt, bei den politischen Entscheidungsträgern und auch bei vielen Bürgern von heute ein zumindest etwas gereifteres Bewusstsein für grundlegende ökologische Zusammenhänge vorauszusetzen. Gemeint ist ein Denken, das die Natur nicht mehr ausschließlich nach ihrem Nutzwert beurteilt.
Da sich die Lokalpolitik gern an Zahlen festhält, die Leser ein bisschen Gruseln immer goutieren und auch der obligatorische Fußballvergleich nicht fehlen darf, hier noch ein mathematischer Denkanstoß: Ende April 2014 gab das Umweltbundesamt bekannt, dass sich die Siedlungs- und Verkehrsfläche in Deutschland während der letzten 60 Jahre mehr als verdoppelt habe. Im Jahr 2012 sei täglich (!) eine Fläche von 74 Hektar versiegelt worden, das entspricht etwa der Größe von 113 Fußballfeldern! Das ist immer noch anderthalb mal so viel wie sich die Bundesregierung im Rahmen der „Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie“ von 2002 vorgenommen hatte. Ursprünglich hatte man sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 die Neuinanspruchnahme von Flächen für Siedlungen und Verkehr auf 30 Hektar pro Tag zu verringern. Die „Teiloberflächenversiegelung“ einer Festplatzfläche und die „Befestigung“ des Weges zur Trießnitz könnte man also jugendsprachlich-salopp und nicht ganz zu Unrecht mit „Soooo was von 20. Jahrhundert!“ oder „Ewiggestrige Altherrenträume von Ordnung und Struktur – auch in der Natur“ abqualifizieren.
Wie auch immer, der Bürgerverein und der Ortsteilrat Winzerla sowie der neue Ortsteilbürgermeister (der sich im Wahlkampf im Stadtteilgarten Winzerla von der Lokalpresse noch allzu gern und bereitwillig als großer Naturfreund in Szene setzen ließ) sollten sich gut überlegen, ob so viel deutsche Regulierungs- und Sanierungswut an Trießnitz und Sängerplatz tatsächlich angebracht ist – oder es nicht irgendwann auch mal genug des „Guten“ bzw. „Gutgemeinten“ ist. Eine etwas reflektiertere Entscheidung im Sinne der Natur dürften ihnen nicht nur die Kinder des Waldkindergartens Winzerla danken. Diese verbringen nämlich regelmäßig ihre Vormittage an Trießnitz („Platz des rauschenden Wassers“) und Sängerplatz. Sie lieben es, dort unbeschwert und ohne Autolärm im Bach herumzutoben und mit Matschepampe zu spielen. Man könnte auch sagen: Zumindest die Waldkinder haben den Schuss schon gehört…
Der Autor Lutz Thormann ist 34 Jahre und wohnt in Neu-Winzerla.
Hier finden Sie alle Aktivitäten zur Wiederbelebung des Sängerplatzes seit 2011