Winzerberge: „Wir wollen das bauen, was sie wollen.“
Jena Winzerla. Mit diesem Mieteransturm hatte die WG Carl Zeiss gestern nicht gerechnet. Die 130 Sitzplätze waren im Nu belegt. Und nochmal so viele Genossenschaftler standen im Spalier an den Seiten. Damit war das Platzangebot in der Aula ausgereizt. Thema: Die Winzerberge.
Dahinter verbirgt sich ein ehrgeiziges Bauprojekt, das 2010 mit einem Architekturwettbewerb startete. Ziel ist es, die Blöcke an der Wasserachse sowie das Wohnumfeld aufzuwerten. „Die Ansprüche an das Wohnumfeld haben sich geändert“, postuliert Prof. Helmut Geyer, Vorstandsmitglied der WG Carl Zeiss. Folglich sollte Winzerla auch langfristig attraktiv bleiben, so Geyer weiter. Die Mieter sollen sich wohl fühlen. Die Umbaumaßnahmen sollen also dem Slogan der Wohnungsgenossenschaft „Zuhause fühlen“ Gewicht verleihen. Angedacht sind Grundrissänderungen, Balkonvergrößerungen, Strangsanierungen, Gestaltung der Außenanlagen, Schaffen von Barrierefreiheit sowie die Installation von Aufzügen. „Wir wollen das bauen, was sie wollen“, so Helmut Geyer. Dabei betont er, dass wir „niemanden hinaussanieren wollen“. Es soll für jeden eine Lösung gefunden werden.
Das bekräftigt auch Ingo Quaas, Stadtplaner, der als Moderator durch die Veranstaltung führt. Es soll ein Dialog entstehen, zwischen Bauherr und Mieter. Ein Workshop, in dem vertiefende Gespräche stattfinden sollen, ist bereits geplant. Doch nach der Veranstaltung wird sich herausstellen, dass nur eine Folgeveranstaltung wohl nicht ausreichen wird.
Nächster Redner im Programm ist Thomas Wittenberg, der beauftragte Architekt für die Winzerberge. Er stellt die geplanten Veränderungen im Detail vor: Küchen werden mit Fenstern versehen, Wohnungsgrundrisse werden optimiert, um mehr Wohnfläche und Lichtdurchflutung zu schaffen. Oder die Idee, Wände als bewegliche Trennelemente einzubauen, um den Wohnraum flexibler zu gestalten. Balkone sollen auf 1,70 m in der Tiefe erweitert werden. Immerhin will man gemütlich auf dem „Außengelände“ sitzen können. Die Mieter hören gespannt zu. Wittenberg bemerkt, dass nicht an jeder Wohnung alles passieren wird. Ebenfalls sind Umbauten in den Eingangsbereichen vorgesehen, neben mehr Fläche ist der Einbau von Aufzügen vorgesehen. Auch im Außenbereich sind Veränderungen angedacht, das Installieren von Sitzelementen und Abstellbereichen. Ein weiteres und wichtiges Thema ist die Außenfassade. Hier sind im Dachbereich Wärmedämmungen sowie ein Wärmeverbundsystem an der Fassade vorgesehen.
Für ersten Unmut sorgte die Idee, Blickachsen auf Kosten der Bausubstanz zu schaffen, also mittels Rückbau von Wohnsegmenten.
Geeinigt wurde sich schnell auf nur eine Sichtachse, die parallel zur Wasserachse verlaufen soll. Damit wird der Blick auf die Kernberge und den an Winzerla angrenzenden Wald freigegeben. Mit dem Herausnehmen der Bausubstanz erhofft man sich eine bessere Verbindung von Wohnbereich und Außenbereich, Grünbereich und Parkplatz. Ziel dieser baulichen Einschnitte ist es, „eigenständige Adressen“ und „höhere Aufenthaltsqualitäten“ zu schaffen, so Wittenberg.
Die Baumaßnahmen sollen 2013 beginnen. Geplant sind vier Bauabschnitte, pro Jahr ein Block, erläutert Karl-Heinz Kalke, Abteilungsleiter Technik. Und auch er betont nochmals, dass die Grundrissänderungen eine Idee sind und keiner seine Wohnung verlieren soll. Auch stellt er die Frage in den Raum, ob denn die Sichtachse überhaupt gewollt ist. Im Publikum wird daraufhin geraunt, man solle doch darüber abstimmen. Bezüglich des Rückbaues bemerkt Vorstandsmitglied Klaus-Dieter Boshold, dass damit das Gebiet lebenswerter wird. Aber es sind auch Aufstockungen im Penthauscharakter vorgesehen. Hier sollen Lofts mit 120 Quadratmetern Wohnfläche entstehen. Ein Hauch von Gentrifizierung? Im Endeffekt bedeutet die Aufrechnung Rückbau und Aufstockung ein Defizit von 7% weniger Wohnraum. Betroffen sind 384 Genossenschaftswohnungen an der Wasserachse. Den zum Teil irritierten Mietern wird aber immer wieder versichert, dass kein Genossenschaftler aus Winzerla wegziehen muss. Es wird für jeden eine Lösung gefunden. Auch wird ein Umzugsmanagement in Aussicht gestellt und mit jedem von den Baumaßnahmen betroffenen Mieter ein halbes Jahr im Voraus gesprochen, so Iris Hippauf, Abteilungsleiterin Immobilienmanagement. Der neue Mietpreis wird sich dann ab 5,10 Euro aufwärts bewegen. Auch sind solartechnische Lösungen eingeplant. Die Baukosten werden sich auf 20 Millionen Euro belaufen.
Helmut Geyer betont in seinem Ausblick, dass bestimmte Standards gefunden werden sollen und nicht nach dem Motto „Wünsch dir was“ verfahren wird. Also, alles ist offen!? Jedenfalls haben per Fragebogen mehr betroffene Mieter als erwartet ihr Interesse, bei der Planung mitzuwirken, bekundet. Der erste Workshop wird am 12. November von 14 bis 18 Uhr stattfinden.