Winzerla aus der Sicht seiner Bewohner: Ergebnisse einer Befragung der FH Jena
Jena. Im Dezember letzten Jahres waren über dreißig Studierende der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena im Rahmen des Seminars „Sozialforschung“ von Prof. Dr. Ulrich Lakemann in Winzerla unterwegs um die Bewohner zu ihrem Stadtteil zu befragen[1] . Insgesamt 245 Interviews kamen zustande. Wie häufiger bei solchen Untersuchungen war der Anteil der Frauen, die sich beteiligt haben, um knapp 10% höher als in der Gesamtbevölkerung. Außerdem zeigte sich, dass der Anteil der jüngeren Befragten bis 27 Jahre etwa doppelt so hoch war wie in der Bevölkerung, der Anteil der älteren Menschen ab 65 Jahren war in etwa gleich hoch. Nur die mittleren Jahrgänge waren unterrepräsentiert.
Die Untersuchung liefert folgende Ergebnisse:
Wohndauer: Im Durchschnitt wohnen die Befragten seit etwa 11,5 Jahren in Winzerla und seit 8,6 Jahren in ihrer jetzigen Wohnung. Die längste Wohndauer im Stadtteil beträgt 41 und in der Wohnung 39 Jahre.
Wohnkosten: Zur Höhe der Warmmiete wurde deutlich, dass ein gutes Viertel der befragten Mieter unter 300 € Miete inklusive Nebenkosten bezahlt und gut die Hälfte zwischen 300 und 500 €. Die übrigen haben eine Miete zwischen 500 und 700 €. Nur bei zwei Befragten liegt sie über 700 €. Fast die Hälfte der interviewten Mieter hält die Höhe der eigenen Miete für angemessen und etwa 18% stufen sie als niedrig oder eher niedrig ein. Demgegenüber sind insgesamt etwa 30% der Auffassung, ihre Miete sei tendenziell hoch.
Zufriedenheit mit dem Vermieter: Der überwiegende Teil der Befragten ist mit dem Vermieter sehr gut oder gut zufrieden. Dies gilt vor allem für die Verfügbarkeit und Erreichbarkeit der Müllbeseitigung (81,6%), die Erreichbarkeit des Vermieters (78,8%), die Sauberkeit im Hausflur (73,4%) und die Hausmeisterdienste (71,4%). Etwas seltener, aber immer noch überwiegend positiv wurden die Grünanlagenpflege (69,8%) und die Problembehandlung durch den Vermieter (58,8%) eingestuft.
Freizeitangebote: Insgesamt 70% der Befragten kennen die Freizeitangebote im Stadtteil. Mehr als ein Drittel dieser Gruppe kann allerdings die Qualität der Freizeitangebote nicht beurteilen. Ein Viertel bewertet sie als gut und 6,5% als sehr gut. Als ausreichend werden die Freizeitangebote von 16,5% eingestuft. Eher kritisch äußern sich 15,3%, die meinen die Freizeitangebote seien ausbaufähig und 1,8%, die sie explizit als schlecht einstufen.
Einschätzung der Verkehrsanbindung und Versorgung mit Ärzten: Neben den Freizeitangeboten wurden auch die Verkehrsanbindung und die ärztliche Versorgung eingeschätzt. Die Verkehrsanbindung stufen 36,3% als sehr gut und 46,5% als gut ein. Nur knapp 6% halten sie für ausbaufähig und knapp 1% für schlecht. Auch die ärztliche Versorgung wird überwiegend positiv beurteilt. 16,7% sind damit sehr zufrieden und 35,1% zufrieden. Nur 2,5% äußern sich sehr unzufrieden.
Zufriedenheit mit der Gestaltung Winzerlas: Auf die Frage: „Wie zufrieden sind Sie mit der Gestaltung des Stadtteils?“ antworteten 11,8% mit sehr zufrieden und 46,9% mit zufrieden. 7,3% sind eher nicht zufrieden und 1,6% sehr unzufrieden. Von den Unzufriedenen werden vor allem die Plattenbauweise und weitere bauliche Merkmale der Wohnhäuser beziehungsweise des Wohnumfeldes als Gründe genannt.
Sicherheitsgefühl im Stadtteil: Insgesamt knapp ein Viertel der Befragen fühlt sich in Winzerla sehr sicher und fast die Hälfte fühlen sich sicher. Weniger sicher fühlen sich fast 7% und gar nicht sicher nur 1,6%. Wenn sie im Dunkeln Personengruppen im Stadtteil sehen, gehen 27,2% der Befragten unbesorgt und 46,5% aufmerksam weiter. Demgegenüber machen insgesamt etwa 20% „einen Bogen“ um diese Gruppen oder bleiben – allerdings deutlich seltener – stehen und warten ab. Verschiedene weitere Reaktionen wurden vom Rest der Befragten genannt.
Motivation in Winzerla zu wohnen: Der am häufigsten genannte Grund für das Wohnen in Winzerla sind mit mehr als 17% der Nennungen die vergleichsweise niedrigen Mietpreise. 13% der Motive beziehen sich auf die günstige Verkehrsanbindung. Jeweils gut 11% der Motive zum Wohnen in Winzerla beinhalten die Einkaufsmöglichkeiten und die Nähe zur Natur. Knapp 10% der Motive beziehen sich auf die Nähe zu Verwandten und jeweils knapp 8% auf die Nähe zum Arbeitsplatz oder die Infrastruktur des Stadtteils. Mit etwa 2% werden die Freizeitmöglichkeiten und kulturellen Angebote am seltensten als Motive genannt. Außerdem dokumentieren fast 12% der Nennungen einen Mangel an Alternativen zu Winzerla. Fast 8% umfassen eine Vielzahl von anderen Gründen.
Abbildung 1: Welche der folgenden Aussagen über Winzerla trifft auf Sie zu?
Identifikation mit dem Wohngebiet: Bereits vor etwa 10 Jahren wurde eine ähnliche Befragung in Winzerla durchgeführt[2] . Um zwischenzeitlich eventuell eingetretene Veränderungen zu messen, wurde anhand einer identischen Frage erneut die Identifikation mit Winzerla erhoben. Abbildung 1 zeigt dazu die Ergebnisse.
Deutlich wird, dass etwa ein Viertel der Bewohner immer in Winzerla wohnen bleiben möchte und ein knappes Drittel „ eigentlich ungern aus Winzerla“ wegginge. Hier haben sich im Vergleich zur letzten Befragung vor 10 Jahren nur geringe Unterschiede ergeben. Häufiger geworden sind hingegen Befragte, denen es egal ist, ob sie in Winzerla oder in einem anderen Stadtteil wohnen. Dies trifft aktuell auf über ein Viertel zu. Demgegenüber wollen 13,5% lieber in einem anderen Stadtteil wohnen und 2,5% wollen „so schnell wie möglich weg von hier“. Auffällig ist, dass sich dieser Anteil in den letzten 10 Jahren um fast zwei Drittel reduziert hat.
Als Gründe warum man in Winzerla wohnen bleiben möchte, werden vor allem die gute Wohngegend, das Alter, Gewohnheit beziehungsweise die Zufriedenheit und die Nähe zu Verwandten, Freunden und Bekannten im Stadtteil genannt. Auch die gute Infrastruktur und die Zufriedenheit mit der eigenen Wohnung werden als Gründe angegeben. Gründe warum man eher aus Winzerla wegziehen möchte, liegen schwerpunktmäßig in der Plattenbauweise und im sozialen Umfeld.
Nachbarschaft: Nur gut 10% der Befragten kennen niemanden aus ihrem Hauseingang mit Namen. Den Namen von ein oder zwei Nachbarn kennen etwa 17%. Fast zwei Fünftel (37,5%) kennen drei bis fünf Nachbarn und fast ein Viertel (23,3%) kennen alle Nachbarn mit Namen. Über 60% haben schon einmal einen ihrer Nachbarn in ihre Wohnung herein gebeten. Knapp 55% haben einem ihrer Nachbarn schon einmal eine Aufgabe anvertraut. Dabei handelt es sich meistens um das Leeren des Briefkastens oder das Blumengießen.
Abbildung 2: Haben Sie Interesse, sich mit einigen anderen Bewohnern hier aus Winzerla zusammenzutun, um gemeinsam etwas in Winzerla zu verbessern?
Selbsthilfepotenziale: Ein letzter Teil des Fragebogens war auf die Bereitschaft ausgerichtet, sich im Stadtteil zu engagieren. Abbildung 2 zeigt dazu die aktuellen Ergebnisse und die aus unserer Befragung von 2001.
Deutlich wird, dass die Bereitschaft, sich mit einigen anderen Bewohnern aus Winzerla zusammenzutun um die Situation im Stadtteil zu verbessern, in den letzten 10 Jahren leicht abgenommen hat. Während es in 2001 gut ein Viertel der befragten Bewohner war, die sich dazu bereit erklärten, ist es aktuell nur noch gut ein Fünftel. Fast vier Fünftel wären hingegen nicht dazu bereit.
Insgesamt ist deutlich geworden, dass Winzerla ein Stadtteil ist, der zahlreiche positive Merkmale aufweist und dem insgesamt eine hohe Wertschätzung des größten Teils seiner Bewohner entgegengebracht wird. Für die Zukunft ist es wichtig, diese Potenziale zu halten und weiter auszubauen.
Autor: Prof. Dr. Ulrich Lakemann
[1] Die Studierenden waren: Denise Bär, Mareen Baumgärtner, Anne Bayer, Cordula Bittner, Michaela Brandt, Vanessa Ebermann, Marie-Christin Fischer, Anne Gaschler, Anne Glatte, Elisabeth Hahn, Stefanie Hampel, Torsten Henze, Doreen Huke, Steve Kardis, Mirjam Keil, Jennifer Klopp, Fabian Kötsche, Ulrike Kriebel, Anja Krusch, Jeannine Kunadt, Sven Laube, Tobias Lehmann, Isabell Liebaug, Tobias Rettig, Michael Ritzke, Valentin Salewski, Anica Saupe, Kristin Schettler, Sabrina Schulz, Jennifer Seidel, Christoph Sonnabend, Lynne Tunger, Ann-Christin Vetterick, Pauline Weis, Michaela Wohlmann, Claudia Zahnert. Allen Studierenden und allen Befragten, die teilgenommen haben, möchte ich herzlich danken.
[2] Die Datenerhebung fand im Sommer und Herbst 2001 statt – vgl. Elsner, Annette; Lakemann, Ulrich: Stadtteilanalyse Jena – Winzerla. Jena 2003